Wo Strom denken lernt
Innovation durch Interdisziplinarität und Kooperation – Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Darmstadt prägt unseren Alltag
19.01.2026 von Heike Jüngst
Wenn ein Elektroauto sicher bremst, ein Container pünktlich im Hafen ankommt, ein Videoanruf stabil läuft oder ein Pflegebett selbstständig Vitaldaten übermittelt, steckt oft mehr Darmstadt darin, als man ahnt. Seit 1882 werden an der heutigen TU Darmstadt Elektroingenieurinnen und -ingenieure ausgebildet – zunächst als Pionierinnen und Pioniere einer neuen Disziplin, heute als Gestalter einer vernetzten, digitalen Welt. Der Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik, kurz etit, spannt dabei einen Bogen von der Elektrifizierung der Städte bis zur KI-gestützten synthetischen Biologie. Und fast immer gilt: Fortschritt entsteht dort, wo Disziplinen, Institutionen und Menschen zusammenarbeiten.
Die Gegenwart des Fachbereichs etit ist unsichtbar und gerade deshalb allgegenwärtig. Moderne Fahrzeuge sind fahrende Hochleistungsrechner, Produktionsanlagen organisieren sich selbst, Energienetze reagieren in Millisekunden auf Schwankungen, medizinische Geräte liefern Daten in Echtzeit. In all diesen Systemen arbeiten Sensorik, Leistungselektronik, Kommunikationstechnik, Regelung und Informatik Hand in Hand – Forschungs- und Lehrgebiete, die am Fachbereich in 32 Fachgebieten vertreten sind.
Die Verbindung von Elektrotechnik mit anderen Disziplinen ist unser genetischer Code und die Voraussetzung für Innovation.
Prof. Thomas P. Burg
Fünf Professorinnen und 27 Professoren leiten diese Fachgebiete, unterstützt von rund 260 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Etwa 1.900 Studierende bereiten sich hier auf Berufe vor, in denen Technik und Gesellschaft unweigerlich miteinander verschränkt sind. „Wir entwickeln keine Insellösungen“, betont Dekan Prof. Thomas P. Burg, Ph.D. „Wenn heute ein Elektroauto sicher bremst oder ein Datennetz stabil läuft, steckt darin fast immer die Zusammenarbeit vieler Disziplinen. Diese Verbindung von Elektrotechnik, Informatik, Mathematik, Materialwissenschaften und Lebenswissenschaften ist sozusagen unser genetischer Code und die Voraussetzung für Innovation.“
Elektrotechnik prägt Netzwerke
Ob Logistik, Energieversorgung, industrielle Produktion oder Gesundheitswesen – zentrale Infrastrukturen sind auf die Expertise angewiesen, die bei etit gebündelt wird. Fortschritte in der Nachrichtentechnik sorgen für zuverlässige Datenübertragung, Automatisierungstechnik und Mechatronik machen Fabriken flexibel, Medizintechnik verbindet Sensorik mit Datenanalyse, Leistungselektronik und Antriebstechnik treiben die Energiewende voran. „Unsere Projekte entstehen selten in nur einem Fachgebiet“, sagt Prodekan Prof. Dr.-Ing. Yves Burkhardt. „Wir arbeiten mit Informatiker:innen, Maschinenbauer:innen, Mathematiker:innen, Materialwissenschaftler:innen, Mediziner:innen und Sozialwissenschaftler:innen zusammen, ebenso mit Partnern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Nur so entstehen Lösungen, die technisch exzellent, wirtschaftlich mehrwertbringend und gesellschaftlich tragfähig sind.“
Prof. Dr.-Ing. Yves Burkhardt
Nur durch die Kooperation mit Partnern aus Forschung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entstehen Lösungen, die technisch exzellent, wirtschaftlich mehrwertbringend und gesellschaftlich tragfähig sind.
Historie schafft Grundlagen
Die Wurzeln dieser Haltung reichen weit zurück. Die Geschichte der Elektrotechnik als Ingenieurdisziplin beginnt zwar mit Namen wie Alessandro Volta, Werner von Siemens oder Thomas Alva Edison, doch die systematische Ausbildung derjenigen, die mit dieser neuen Technik umgehen sollten, fehlte lange.
Das änderte sich 1882 in Darmstadt. Die damalige Technische Hochschule berief den Physiker Erasmus Kittler auf den weltweit ersten Lehrstuhl für Elektrotechnik. 1883 folgte der erste eigenständige Studiengang für Elektroingenieure, damals noch ausschließlich Männer. Kittler verband als einer der Ersten Physik und Maschinenbau zu einem neuen Fach: Elektrotechnik.
Unsere Studiengänge prägt das Denken in Anwendungen und Kooperationen – ein Studium mit starkem Praxisbezug, auch als Darmstädter Modell bekannt.
Prof. Anja Klein
Mehr als ein Jahrzehnt blieb Darmstadt die einzige Hochschule im deutschen Sprachraum mit einem solchen Lehrstuhl. Studierende kamen aus ganz Europa, die Hörsäle waren voll, noch bevor es reguläre Einschreibungen gab. Die Stadt selbst profitierte früh: 1888 entstand unter maßgeblicher Mitwirkung Kittlers das Elektrizitätswerk, inklusive elektrischer Beleuchtung im Theater – ein sichtbares Zeichen der neuen Technik. „Kittler hat damals das geschaffen, was der Technikhistoriker Wolfgang König später das Darmstädter Modell genannt hat: ein Studium mit starkem Praxisbezug, mit Exkursionen in Kraftwerke, zu elektrifizierten Eisenbahnen und internationalen Ausstellungen“, ordnet Studiendekanin Prof. Anja Klein ein. „Dieses Denken in Anwendungen und Kooperationen prägt unsere Studiengänge bis heute, nur dass die Orte jetzt auch Biolabore, Rechenzentren und Start-up-Hubs sind.“
Erfindungen werden Alltag
Darmstadt blieb nicht nur bei der Pioniertat des ersten Lehrstuhls stehen. Immer wieder kamen Persönlichkeiten an die Hochschule, deren Arbeiten weit über deren wissenschaftlichen Arbeiten hinaus wirkten und unseren Alltag bis heute beeinflussen:
Michael von Dolivo-Dobrowolsky, von 1885 bis 1887 Assistent Kittlers, entwickelte 1888 bei der AEG den ersten funktionsfähigen Drehstrommotor und prägte den Begriff „Drehstrom“ – eine zentrale Grundlage der modernen Energieversorgung. 1894 richtete die TH Darmstadt den ersten nachrichtentechnischen Lehrstuhl Deutschlands ein und setzte damit früh ein Zeichen für die Bedeutung der Kommunikationstechnik. 1930 folgte Hans Busch dem Ruf nach Darmstadt; als Begründer der Elektronenoptik ebnete er den Weg zum Elektronenmikroskop, ohne das die heutige Material- und Lebenswissenschaft kaum vorstellbar wäre.
Mit Waldemar Petersen, der ab 1915 einen Lehrstuhl innehatte, etablierte sich die Hochspannungstechnik als eigenständige Disziplin. Seine Erdschlusslöschspule ist bis heute ein wichtiger Baustein der sicheren Stromversorgung. In den 1950er Jahren entstand in Darmstadt der bundesweit erste Lehrstuhl für Regelungstechnik, 1996 kam der erste deutsche Lehrstuhl für Regenerative Energien hinzu – ein deutliches Signal für die Ausrichtung auf die Energie- und Systemfragen der Zukunft.
Prof. Thomas P. Burg
Viele unserer Erfindungen sieht man nicht, aber man spürt ihre Wirkung. Das ist Elektrotechnik im besten Sinne: leise, robust, verlässlich – und fast immer interdisziplinär entstanden.
Von 1972 bis 2000 prägte Wolfgang Hilberg als Erfinder der Funkuhr das Fachgebiet Nachrichtentechnik. Gerhard Sessler, von 1975 bis 1999 Professor in Darmstadt, entwickelte 1983 das Silizium-Mikrofon und hatte zuvor mit James West das Elektretmikrofon geschaffen, das heute weltweit am häufigsten eingesetzt wird – in Smartphones, Laptops, Hörgeräten und vielen anderen Geräten des Alltags. Rolf Isermann, Professor für Automatisierungstechnik und Mechatronik, wurde 2003 von der MIT-Zeitschrift „Technology Review“ als einziger deutscher Forscher unter die zehn Wissenschaftler gewählt, deren Arbeiten die Lebens- und Arbeitswelt nachhaltig verändern könnten. Und mit dem von Andreas Binder und seinem Team entwickelten Linearantrieb des Stratospheric Observatory for Infrared Astronomy (SOFIA) der NASA trägt sogar ein Stück Raumfahrttechnik unverkennbar die Handschrift der Darmstädter Elektrotechnik.
„Viele unserer Erfindungen sieht man nicht, aber man spürt ihre Wirkung“, fasst Dekan Burg zusammen. „Ohne Sesslers Mikrofone gäbe es das Smartphone so nicht, ohne unsere Arbeiten zur Hochspannungstechnik stünde kein stabiles Stromnetz. Das ist Elektrotechnik im besten Sinne: leise, robust, verlässlich – und fast immer interdisziplinär entstanden.“
Forschung denkt voraus
Heute arbeiten die 32 Fachgebiete daran, technologische Durchbrüche zu ermöglichen, bei denen Natur- und Materialwissenschaften, Mathematik und Informatik eng zusammenspielen. Elektrotechnik und Informationstechnik verbinden dabei rasant wachsende Bereiche wie künstliche Intelligenz, Signalverarbeitung und Computersimulation mit der physikalischen Welt, die uns umgibt.
Diese Verbindung spiegelt sich in den vier Forschungsfeldern des Fachbereichs wider. Im Bereich „Neue Bauteil- und Systemkonzepte“ entstehen hoch empfindliche Sensoren, Robotiklösungen und innovative mikroelektronische Systeme. Das Feld „Vernetzte Systeme“ widmet sich Technologien für die Kommunikation – zwischen Menschen, zwischen Menschen und Maschinen und zunehmend auch zwischen autonomen, intelligenten Systemen untereinander. Im Forschungsfeld „Energie“ geht es nicht nur um effiziente Antriebe für die Elektromobilität und Hochspannungsanlagen, sondern auch um stabile, nachhaltige Versorgungsnetze und darum, den wachsenden Strombedarf einer digitalen Gesellschaft über Grenzen hinweg zu sichern. Das vierte Forschungsfeld Medizintechnik schließlich nutzt die Grundlagen der Elektrotechnik und Informationstechnik für medizinische Anwendungen: von KI-gestützten Diagnoseverfahren über neue Analysesysteme bis hin zu verbesserten Methoden der Strahlentherapie.
Vernetzung ermöglicht Innovation
Ein Beispiel für diese vernetzte Forschung ist Prof. Heinz Koeppl, der 2025 eine LOEWE-Spitzenprofessur in Darmstadt erhalten hat. Er untersucht, wie künstliche Intelligenz den Entwurf neuer Biomoleküle und genetischer Schaltkreise in der synthetischen Biologie verbessern kann. Ziel ist es, KI-Algorithmen zu entwickeln, die funktionelle RNA-Moleküle und komplexe genetische Schaltkreise entwerfen – Grundlage für neue Ansätze in Medizin und Biotechnologie.
Laborrobotik, Hochdurchsatz-Messverfahren und KI-Modelle greifen dabei ineinander: Biomoleküle und genetische Schaltkreise werden automatisch erzeugt, getestet, ausgewertet – ein geschlossener Kreislauf aus Experiment und Algorithmus. „Prof. Koeppls Arbeiten zeigen exemplarisch, was Interdisziplinarität für uns bedeutet“, sagt Prodekan Burkhardt. „Hier trifft Elektrotechnik auf Biologie, Informatik auf Medizin. Solche Projekte wären ohne enge Kooperation innerhalb und außerhalb der Universität gar nicht denkbar.“
Studium verbindet Disziplinen
Die Tradition des „Darmstädter Modells“ lebt im Studium fort. Noch immer geht es nicht nur um Formeln und Schaltpläne, sondern um Arbeitstechniken, Projektarbeit und reale Anwendungen. Laborpraktika, Übungen und Seminare sind fest im Curriculum verankert. Studierende lernen, Projekte zu planen, in Teams zu arbeiten, zu recherchieren und zu präsentieren – Fähigkeiten, die in Unternehmen ebenso gefragt sind wie in Forschungseinrichtungen.
Pro Jahr schließen deutlich mehr Studierende als im Bundesdurchschnitt ihr Studium ab; 2024 waren es 426 Absolventinnen und Absolventen, davon 262 im Master. Neben klassischen Studiengängen der Elektrotechnik und Informationstechnik bietet der Fachbereich gemeinsam mit anderen Fachbereichen der TU Darmstadt interdisziplinäre Programme an, etwa Mechatronik, Informationssystemtechnik, Computational Engineering oder Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Elektrotechnik und Informationstechnik.
Xchange bringt Wirkung
Forschung endet in Darmstadt nicht an der Labortür. Wissenstransfer – am Fachbereich unter dem Stichwort „Xchange“ verankert – bedeutet, Ergebnisse systematisch in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft zu tragen. Dazu gehören Kooperationen mit Unternehmen, Beiträge zu Normungsgremien, Patente, öffentliche Vorträge – und nicht zuletzt Ausgründungen.
Innovative Sensortechnologie macht Pflege smarter
Ein aktuelles Beispiel ist das Start-up MimoSense, gegründet von den etit-Absolventen Dr.-Ing. Romol Chadda und Dr.-Ing. Omar Ben Dali. Am Fachgebiet Mess- und Sensortechnik haben sie während ihrer Promotion eine neue Klasse von Foliensensoren entwickelt. Statt starrer Bauteile kommen hauchdünne Kunststofffolien zum Einsatz, auf denen Leiterbahnen aus leitfähiger Tinte gedruckt werden. Die Sensoren sind nur 0,3 Millimeter dünn, hochsensibel und können sowohl kleinste Vibrationen als auch große Kräfte messen. Etwa in Pflegebetten integriert, können sie Puls, Atmung, Gewicht und Bewegungen ohne Kabel und ohne direkten Hautkontakt erfassen. Der Sensor wird unsichtbar in die Matratze eingebaut, dokumentiert automatisch Messwerte und erkennt Risiken wie Stürze oder notwendige Umlagerungen. So können Pflegekräfte entlastet und Zeit für Zuwendung geschaffen werden.
Start-ups: zweite Lebensphase der Forschung
„MimoSense ist ein Musterbeispiel dafür, wie aus exzellenter Forschung ein Produkt wird, das Menschen konkret hilft“, sagt Dekan Burg. „Hier arbeiten Elektrotechnik, Gesundheitswirtschaft und Pflegepraxis zusammen. Genau diese Form des Wissenstransfers wollen wir systematisch fördern.“ Der Weg von der Idee zum Produkt war nur möglich, weil viele Disziplinen zusammenspielten: Elektrotechnik, Materialwissenschaften, Datenanalyse, Medizintechnik und Betriebswirtschaft. Unterstützt durch den EXIST-Forschungstransfer und das Gründungszentrum HIGHEST der TU Darmstadt wurde 2024 die MimoSense GmbH gegründet. Heute ist das Unternehmen Teil des Healthcare-Clusters der Startup-Factory Futury, an der die Rhein-Main-Universitäten beteiligt sind, und wurde mit dem Hessischen Gründerpreis 2025 ausgezeichnet.
Kooperation bleibt Programm
Die Geschichte des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik an der TU Darmstadt ist damit keineswegs erzählt. Sie reicht von der ersten systematischen Ausbildung von Elektroingenieuren über Grundlagenerkenntnisse in Kommunikation, Energie- und Mikrotechnik bis hin zu Sensorik für die Pflege und KI-gestützte synthetische Biologie.
„Wenn ich mir unsere Historie anschaue – vom Elektrizitätswerk der Residenzstadt über die ersten Drehstrommotoren, Funkuhren und Mikrofone bis hin zur Medizintechnik und Pflegesensoren“, analysiert Studiendekanin Prof. Anja Klein die Entwicklung des Fachbereichs, „dann zieht sich ein Motiv durch alles: Wir kommen immer dann besonders weit, wenn wir Grenzen überschreiten. Zwischen Fächern, zwischen Institutionen, zwischen Labor und Anwendung.“
Prof. Anja Klein
Wir kommen immer dann besonders weit, wenn wir Grenzen überschreiten. Zwischen Fächern, zwischen Institutionen, zwischen Labor und Anwendung.
Was 1882 mit Erasmus Kittler als kühner Schritt begann, ist heute ein breit vernetzter Fachbereich, der technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Fragen gemeinsam denkt. Innovation durch Interdisziplinarität und Kooperation – an der TU Darmstadt ist das nicht nur ein Leitmotiv, sondern gelebter Alltag.