Und sie fährt doch

24.08.2015

Und sie fährt doch

etit Professor setzt sich für die internationale Städtepartnerschaft ein

Eine wachsende Stadt in der Türkei, viele Pendler und eine neue Straßenbahnstrecke, ein Lieferproblem und eine technische Neuentwicklung, der Sohn des Chefs der Verkehrsbetriebe in Bursa und ein Studium bei etit in Darmstadt. Das waren die Hauptzutaten für eine Geschichte, die sich seit dem Sommer 2014 zwischen den Partnerstädten Darmstadt und Bursa abspielte.

Denkmal für die Städtepartnerschaft: Die "neue" alte Straßenbahnlinie in Drarnstadts Partnerstadt Bursa. Bild: Burulas Bursa
Denkmal für die Städtepartnerschaft: Die „neue“ alte Straßenbahnlinie in Drarnstadts Partnerstadt Bursa. Bild: Burulas Bursa

Das Ganze begann damit, dass die Verkehrsbetriebe in Bursa beschlossen hatten, eine neue Straßenbahnlinie zu bauen. Der steigende Berufsverkehr wuchs der Stadt allmählich über den Kopf. Also wurde die neue Strecke geplant und gebaut, alles war soweit vorbereitet – doch dann gab es bei den neuen Straßenbahnen Lieferprobleme, vier Jahre Wartezeit.

Es musste dringend eine Lösung her. Die war schnell gefunden in Form von 24 Straßenbahnwagen aus einer anderen Stadt: Um nicht jahrelang auf die neuen Bahnen warten zu müssen, wollte man zusätzlich gebrauchte Modelle aus Rotterdam in die Fahrzeugflotte aufnehmen. Die Sache hatte nur einen winzigen Haken: In Rotterdam fahren die Bahnen mit einer anderen Spannung als in Bursa. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Städte, die wie Bursa ihre öffentlichen Verkehrsmittel mit 1500 Volt statt der üblichen 750 Volt betreiben. Einen Umrichter zu bauen, der diese große Spannungsdifferenz überbrückt, bedeutete technisch absolutes Neuland zu betreten.

Nur dank der guten Zusammenarbeit aller Beteiligten konnte dieses innovative Projekt schließlich verwirklicht werden: Durch die Mitarbeiter der Verkehrsbetriebe Bursa, die großes Durchhaltevermögen bewiesen und viele Nachtschichten einschieben mussten, durch die kreativen Spezialisten der beauftragten Firma Railtron und die spontane Hilfe von Professor Gerd Griepentrog von der TU Darmstadt.

Doch der Reihe nach. Allen voran hat der Chef der Verkehrsbetriebe Burulas in Bursa, Levent Fidansoy, Verantwortung und Mut zur Innovation bewiesen, als er sich für den Kauf und die technische Umrüstung der Gebrauchtfahrzeuge aus Rotterdam entschied. „Schwierige Situationen erfordern schwierige Maßnahmen“, erklärte Fidansoy. „Wir haben keinen einfachen Weg beschritten, aber es war die einzige Möglichkeit, die lange Wartezeit auf Neufahrzeuge zu überbrücken.“ Die Pendler in Bursa werden es ihm danken.

Fidansoy hat die Münchner Railtron GmbH, Experten für Bahntechnik und Leistungselektronik, mit der Entwicklung und Produktion des Umrichters beauftragt. Der Geschäftsführer Yalçın Taray hatte schon seit Jahren erfolgreich mit Burulas zusammen gearbeitet. Nach einem halben Jahr Entwicklungszeit wurden bereits erste Testfahrten in Bursa durchgeführt. Trotz zahlreicher Teilerfolge kam es an kritischen Streckenabschnitten immer wieder zu Ausfällen. „Die Schwankungen der Fahrleitungsspannung in Bursa entsprechen nicht den üblichen Standards. Das ist eine der großen Herausforderungen, die den störungsfreien Betrieb der Umrichter schwierig gestalten“, erklären die beiden Berliner Railtron-Ingenieure Uwe Knüpfer und Willi Baehr.

Entwicklungsarbeit braucht Zeit, aber Zeit war in Bursa knapp. Die Rotterdamer Bahnen sollten möglichst schnell aufs Gleis, Hilfe musste her. Fieberhaft wurde überlegt, wer hier in Frage kommen konnte. Bis der Chef der Verkehrsbetriebe plötzlich die Idee hatte: Hatte sein Sohn nicht am Fachbereich etit (Elektrotechnik und Informationstechnik) an der TU Darmstadt Elektrotechnik studiert und dort Veranstaltungen aus dem Bereich der Antriebsregelung besucht?

Als Professor Griepentrog die Anfrage aus der Partnerstadt Bursa erhielt, überlegte er nicht lange. Vor Ort analysiert er das technische Design aus wissenschaftlicher Sicht. Er bestätigt die bisher geleistete Entwicklungsarbeit als richtig und gibt wertvolle Tipps zur weiteren Verbesserung des Spannungswandlers – bis die Bahnen den Testbetrieb erfolgreich absolvieren konnten.

Railtron-Geschäftsführer Taray bedankt sich für die großartige Unterstützung bei Professor Griepentrog, aber auch dieser ist beeindruckt von der Ingenieursleistung. „Es ist erstaunlich, wie schnell der Umrichter entwickelt wurde. Ich hätte dafür zwei Jahre Entwicklungsarbeit veranschlagt.“

Bis heute fahren die „neuen“ alten Bahnen zuverlässig durch Bursa und bringen die Pendler pünktlich zur Arbeit und wieder nach Hause. Experten gehen davon aus, dass die Gebrauchtwagen noch mindestens 20-25 Jahre laufen werden – ein echt abgefahrenes Denkmal für die Städtepartnerschaft zwischen Darmstadt und Bursa.

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